Vom Kinderspielzeug zum Informationsdesign
Ladislav Sutnar (1897 Pilsen 1976 New York) Designer zwischen zwei WeltenIm Exil Am 14. April 1939 geht der Tscheche Ladislav Sutnar, 42, in New York City von Bord eines Oceanliners; seine Heimat ist durch deutsche Truppen besetzt. Eigentlich hat der Entwerfer die Aufgabe, den tschechoslowakischen Pavillon auf der Weltausstellung offiziell aufzulösen, aber er widersetzt sich dem Befehl. Stattdessen geht er mit prominenten Mit-Exilanten daran, die Einrichtung des Pavillons, mit der er 1938 beauftragt worden war, zu vollenden. Die Tschechoslowakische Ausstellung auf der World's Fair in New York wird in Gegenwart von Mitglieder der Exilregierung am 31. Mai eröffnet. Sutnar wird der führende Graphic Designer für diverse Organisationen und Institutionen des tschechoslowakischen Exils in den USA. Darüber hinaus steht er in engem Kontakt mit Emigranten aus Deutschland, vor allem mit den Protagonisten des Bauhauses, die er bereits seit den zwanziger Jahren kennt: Walter Gropius, Herbert Bayer, Marcel Breuer, László Moholy-Nagy, Joseph Albers u.a., aber auch mit amerikanischen Gestaltern wie Paul Rand und Frederick Kiesler. Trotz dieses geistigen Umfeldes: Der Start im fremden Land und in der fremden Sprache ist zunächst schwer. Am Beginn steht ein Kinderspiel: ein Baukasten wie auch am Beginn seiner Karriere in Prag, als er sich intensiv mit dem Thema Spielzeug befaßte. Klare Formen und wirkungsvolle Farben Mit diesen und ähnlichen Worten begrüßte 1927 die Presse das Spielzeug von Sutnar
innerhalb der enthusiastischen Rezensionen zu der Ausstellung "Spielzeug und Bilderbuch", die durch Die Neue Sammlung in München gezeigt wurde. Rot, gelb und blau lackiert, rollen Dampfwalze und Eisenbahnzug dahin in den Grundfarben, die auch die Pioniere der Moderne wie Piet Mondrian, die Konstruktivisten oder das Bauhaus bevorzugten. Die Formen sind auf einfache, geometrische Körper reduziert: Zylinder, Quader, Pyramide. Δhnlichen Prinzipien folgen die Holztiere auf Rollen, die Marionettenpuppen und der - in den USA weiterentwickelte System-Baukasten. In den zwanziger Jahren lag Spielzeugdesign in der Luft, grundiert von modernen Erziehungs- und Spieltheorien und utopisch-gesellschaftsreformerischen Idealen. Goldmedaillengewinner Die Propagierung der avantgardistischen angewandten Kunst und Architektur der Tschechoslowakei im Ausland bildet eine der zentralen Gestaltungsaufgaben von Sutnar in den folgenden Jahren. Ausstellungs- oder Messedesign würde man dies heute nennen. Die Ausstellung "Europäisches Kunstgewerbe" in Leipzig und die dortige Internationale Buchkunst-Ausstellung machen den Anfang; Höhepunkte sind die Teilnahme an der Weltausstellung in Barcelona 1929 oder die Pavillons auf der "Exposition International L'art et la technique dans la vie moderne" in Paris 1937. Hier wurde Sutnar mit insgesamt 14 Goldmedaillen und dem Grand Prix ausgezeichnet. Als nächstes kam der Auftrag für den Pavillon auf der World's Fair in New York
Lifestyle Ausstellungsgestaltung war jedoch keineswegs Sutnars einziges Metier. Im Prag der 20er und 30er Jahre war er einer der zentralen Persönlichkeiten der tschechischen Avantgarde, ein "shooting star" des Design. So gehört Sutnar neben Jan Tschichold, El Lissitzky, László Moholy-Nagy, Herbert Bayer u.a. zu den wichtigsten Repräsentanten der Neuen Typographie. Dies zeigen besonders seine zahlreichen Buchentwürfe, ob für die sozialkritischen Romane "Wall Street" und "Petroleum" von Upton Sinclair oder für die Dramen des Nobelpreisträgers George Bernhard Shaw. Als Entwerfer von Porzellangeschirr oder Trinkgläsern ebenso wie als ideengebender Art Director prägt er "Krásná jizba" (Schönes Zuhause): Bei diesem Verkaufs- und Ausstellungsforum in Prag handelt es sich quasi um das erste Atelier für Produktdesign in der Tschechoslowakei. Diese Tätigkeiten flankiert Sutnar mit bahnbrechenden Marketingmaßnahmen in Zusammenarbeit mit führenden Avantgarde-Photographen der Zeit wie etwa Josef Sudek sei es für Ausstellungsinszenierungen, sei es für Schaufenstergestaltung oder Anzeigenwerbung. Aus all diesen Facetten setzt sich das Bild eines Lebensgefühls und Wohnens zusammen, das in den Kreisen der tschechischen Mittelschicht damals begeistert angenommen wurde. Visuelle Kommunikation Die Entscheidung, in New York zu bleiben, bedeutet für den Emigranten Sutnar Neuanfang und Neuorientierung. Im alten Europa entwickelte er inspiriert von De Stijl, den Konstruktivisten und Bauhaus eine durchaus pragmatische und anwenderfreundliche Stilart des Funktionalismus. Pragmatismus läßt ihn bei aller stilistischen Rigorosität nun auch im zunächst fremden Umfeld erkennen, wo gestalterische Desiderate bestehen. Sutnar wird zu einem Spezialisten für Informationsdesign und Corporate Identity. Hinter den spröden Worten steckt die Einsicht, daß die Informationsflut einer modernen Welt strukturiert, gegliedert und anschaulich gemacht werden muß, um die Inhalte an die Betrachter, Leser, Benutzer, Konsumenten zu bringen. Das betrifft Werbebroschüren ebenso wie Textinformationen bei Ausstellungen und Messeauftritten, Diagramme oder Briefpapier, Fachbücher über Verpackungsdesign oder die graphische Gestaltung von Firmenkatalogen und Publikationen gegen Luftverschmutzung (Sutnar gehört auch zu den frühen Aktivisten des Umweltschutzes). Geometrische Formen, Signalfarben vor allem sein typisches Orange und Diagonalkomposition, filmisch dynamische Elemente und klare Hierarchisierung der Information mit diesen Stilmitteln wird Sutnar zum gesuchten Graphic Designer. Seine Arbeit und seine Visionen in diesem Feld schaffen Grundlagen auch noch der heutigen visuellen Kommunikation. So ist es kein Wunder, daß sowohl in den USA als auch in Europa eine junge Entwerfergeneration zur Zeit Ladislav Sutnar wiederentdeckt. Architekten des international renommierten Prager Studios Olgoj Chorchoj Stars der tschechischen Designszene gestalteten die erste umfassende Retrospektive über Sutnar, die durch Die Neue Sammlung pünktlich zum EU-Beitritt der Tschechischen Republik in im Neuen Museum in Nürnberg gezeigt wird (9. Juli 19. September 2004). Corinna Rösner
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