Neu! Archäologische Staatssammlung München:
Von sumerischen Schrifttafeln, anatolischen
Fruchtbarkeitsfigürchen und griechischen Vorratsgefäßen -Keramiken
des Vorderen Orients
Die Archäologische Staatssammlung München
Museum für Vor- und Frühgeschichte
Am 14. Oktober 1885 wurde die Archäologische Staatssammlung in München
gegründet. Die Initiative ging von Professor Dr. Johannes Ranke aus,
der seine private Lehrsammlung als Grundstock zur Verfügung stellte.
Zunächst der Ethnographischen Sammlung angegliedert, wurde das Museum
1889 selbständig.
Das erste eigene Museumsgebäude mit Ausstellungsräumen, Depots,
Werkstätten und Verwaltung wurde 1975 an der Lerchenfeldstraße
in München bezogen. Erst seit dieser Zeit konnte sich die Sammlung mit
den reichen archäologischen Funden aus Bayern – von der Steinzeit
bis in das Frühe Mittelalter – entsprechend darstellen. Außerdem
wurden mehr als zehn Zweigmuseen in allen Teilen Bayerns eingerichtet, um
die regionale Geschichte vor Ort zu dokumentieren.
Da die Kulturentwicklung
nicht isoliert innerhalb der heutigen politischen Grenzen unseres Landes
gesehen werden kann, wurden schon seit der Gründung
des Museums auch Objekte aufgenommen, welche die Verbindungen zu den Nachbarkulturen
aufzeigen. Daraus entstand eine eigene Abteilung, die 1973 offiziell eingerichtet
wurde und das Mittelmeergebiet und den Vorderen Orient von der Steinzeit
bis in byzantinische Zeit umfasst, da gerade von diesen Regionen immer wieder
ganz wesentliche Anregungen auf das heutige bayerische Gebiet ausgingen.
Diese Abteilung der Archäologischen Staatssammlung hat bislang noch
keine Möglichkeit, ihre Schätze in einer ständigen Ausstellung
zu präsentieren. Aus deren überaus reichen Beständen stammen
die zahlreichen keramischen Erzeugnisse, die im Internationalen Keramikmuseum
ausgestellt werden und technische wie künstlerische Entwicklungen ebenso
wie vielfältige andere Möglichkeiten der Arbeit mit Lehm und Ton
zeigen.
Keramik des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes
Entwicklung der Keramik
Im Laufe des Neolithikums (Jungsteinzeit), als die
Menschen sesshaft geworden und zu Ackerbau und Viehzucht übergegangen waren, lernten sie auch,
Keramik herzustellen, indem sie Ton aufbereiteten (d. h. mit verschiedenen
Materialien magerten), daraus Gefäße formten und diese im Feuer
brannten und somit haltbar machten. Im Vorderen Orient erfand man diese Technik
im 7. Jahrtausend v. Chr. Keramik war vor allem für die Vorratshaltung
wichtig.
Zuerst formte man die Töpfe mit der Hand, später fertigte man
sie auf einer langsam drehbaren Scheibe, schließlich erreichte man
durch die schnell rotierende Töpferscheibe Keramikerzeugnisse mit immer
dünnerer Wandung und war in der Lage, eine Vielzahl an unterschiedlich
akzentuierten Formen herzustellen. Mit dieser Entwicklung gingen eine Verfeinerung
der Tonmagerung und eine Steigerung der Temperaturen beim Brennvorgang einher,
was die Qualität wesentlich verbesserte.
Keramikgefäße sind für die Archäologie das häufigste
und aussagekräftigste Fundgut, auch wenn sie leicht zerbrechlich sind
und meistens nur in Scherben gefunden werden. Diese allerdings können
Jahrtausende überdauern und sind praktisch unzerstörbar. Die Zerbrechlichkeit
hatte zur Folge, dass man Gefäße in kurzen Abständen immer
wieder neu herstellen musste. Dadurch war ihr Aussehen einem kurzfristigen
Wandel unterworfen, so dass Modeerscheinungen in Form und Dekor eine gute
zeitliche Einordnung ermöglichen. Zudem ist eine Datierung der Keramik
auch mit naturwissenschaftlichen Methoden (Thermolumineszenz-Verfahren) möglich,
da man damit den Zeitpunkt feststellen kann, wann der Ton des Gefäßes
gebrannt wurde.
Keramik des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes
Form, Dekor und Ornament
Jede antike Kultur entwickelte besondere Fähigkeiten
und Eigenheiten in der Keramikgestaltung, so dass in Technik, Form und Dekoration
charakteristische
Stilrichtungen zum Ausdruck kamen.
Die Insel Zypern stellt für die Vorgeschichte ein beredtes Beispiel
für seine eigenwillige und phantasievolle Keramikproduktion dar. Vor
allem in der Bronzezeit (3. - 2. Jahrtausend v. Chr.) finden sich vielfältige
und ungewöhnliche Formen. Diese sind vor allem aus Grabfunden bekannt,
denn man pflegte den Verstorbenen bis zu vierzig Gefäße – Vorrats-,
Ess- und Trinkgeschirr – mit ins Grab zu geben. Es herrschen rundliche
Formen ohne Standfläche vor, die man entweder im Sand abstellte oder
aufhing. In Zypern waren auch viele Sonderformen verbreitet, die nicht für
den täglichen Gebrauch bestimmt waren, sondern Kult- und Opferbräuchen
dienten.
Charakteristisch für die frühe Bronzezeit (2600-1900 v. Chr.)
sind Gefäße, deren Oberfläche rot glänzend poliert ist.
Für die Verzierung wählte man entweder Reliefdekor oder eingetiefte
und inkrustierte Ornamente, die durch ihre hellen Einlagen mit dem dunkleren
Untergrund in Kontrast standen. Manche Beispiele zeigen deutlich, dass sie
Vorbilder aus Metall imitieren. In der mittleren und späten Bronzezeit
(1900-1050 v. Chr.) wurden hellgrundige Gefäße mit matter Oberfläche
und roter oder brauner Bemalung modern. Man versah dabei die Oberfläche
fast ausschließlich mit geometrischen Mustern, wobei anfangs das ornamentale
Gefüge die Gefäße sehr dicht überzog, während im
Laufe der Zeit die Dekoration immer lichter und leichter wurde. Ab dem 8.
Jahrhundert v. Chr. wurde der zyprische Stil wesentlich von Griechenland
beeinflusst.
Keramik des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes
Ton als Schriftträger
Im Vorderen Orient, besonders in den Flussgebieten
Mesopotamiens kamen Lehm und Ton bei vielen Gegenständen des täglichen Lebens zum Einsatz.
Ungewöhnlich mag uns die Verwendung als Beschreibmaterial vorkommen.
Die Entwicklung der in diesen Regionen gebräuchlichen Keilschrift hängt
unmittelbar mit dem weichen Material des feuchten Tones zusammen. In zügigem
Schreiben konnte man auf kleine Tontafeln mittels kantiger Griffel keilförmige
Zeichen eindrücken, deren Kombination jeweils Wörter bzw. Silben
bedeutete. Meist handelte es sich um Verwaltungstexte und Quittungen, die
auf diesen Tontafeln in ungebranntem Zustand aufbewahrt wurden. Dass sich
viele Exemplare über Jahrtausende erhalten haben, ist dem Umstand zu
verdanken, dass sie zufällig bei Bränden ins Feuer gerieten und
dadurch gehärtet wurden.
Lehm als Baumaterial
Bei den mesopotamischen Kulturen in der Flussebene von
Euphrat und Tigris diente ausschließlich der in unerschöpflichen Mengen vorhandene
Lehm als Baumaterial. Über Jahrtausende baute man mit Ziegeln aus ungebranntem,
nur in der Sonne getrocknetem Ton annähernd derselben Form sowohl kleine
Privathäuser wie auch monumentale Gebäude. Bis heute haben sich
die stattlichen Reste der Zikkurat (Tempeltürme) erhalten, deren kompakter
stufenförmiger Unterbau aus Millionen von Lehmziegeln bestand. Die Wohnhäuser
haben sich fast nur in den Grundrissen erhalten, ihr Aussehen vermitteln
aber Nachbildungen (ebenso aus Ton), die man wohl als Votive den Göttern
darbrachte.
Die Ziegel der offiziellen Gebäude waren häufig mit einem Stempel
versehen. Hier werden in Keilschrift der fürstliche Auftraggeber und
das Gebäude genannt, für das dieser Ziegel hergestellt worden war.
Keramik des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes
Der Handel im östlichen Mittelmeer
Typische Keramikerzeugnisse einzelner
Regionen ermöglichen es, deren
Austausch mit anderen Kulturen zu verfolgen und Handelsbeziehungen zu rekonstruieren.
Die Küstenländer des östlichen Mittelmeeres fungierten dank
ihrer Lage als Brücke zwischen den Hochkulturen Mesopotamiens und Ägypten
und betrieben regen Handel. Deshalb verwundert es nicht, dass hier viele
Keramikprodukte aus aller Herren Länder zutage kamen. Sie waren wegen
ihres besonderen Stils begehrt, manche dienten aber auch als Transportbehälter
und Verpackungsmaterial.
Daunische Keramik
Die daunische Keramik Apuliens (7. - 4. Jahrhundert v. Chr.)
ist ein Beleg für die Eigenständigkeit einer Produktion, die sich gegenüber
den Einflüssen, die von den benachbarten reichen und kulturell hochstehenden
griechischen Kolonien ausging, als weitgehend resistent behauptete. Sowohl
in der Formgebung, in der Technik wie in der Dekoration, die fast ausschließlich
geometrische Muster bevorzugte, hielt man an den alten einheimischen Traditionen
fest.
Reliefkeramik
Gefäße mit Reliefdekor waren in der Antike immer weit verbreitet.
Die fabrikmäßige Massenherstellung aus wiederverwendbaren Negativformen
wurde jedoch erst im 3. Jahrhundert v. Chr. im hellenistischen Osten erfunden.
Von hier gelangte die Technik in italische Werkstätten, und es wurde
die Gattung der Terra Sigillata entwickelt. Diese gelangte in die Provinzen
des Römischen Reiches. Um die Handelswege zu verkürzen ging man
im Laufe der Zeit dazu über, in vielen Regionen eigene Produktionsstätten
zu gründen. Ihre letzte Blüte erlebte die Reliefkeramik in Nordafrika
im 5. Jahrhundert n. Chr.
Keramik des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes
Figürliche Plastik
Schon vor Erfindung der Keramik hatten die Menschen
Ton dazu verwendet, um plastische Figuren daraus zu formen. Sie wurden allerdings
nicht gebrannt
und sind deswegen nur selten erhalten. Die frühesten Beispiele waren
Totenschädel, denen mit Lehm die Gesichtszüge der Verstorbenen
aufmodelliert wurden.
Im Vorderen Orient findet man ab dem Neolithikum zahlreiche üppige
Frauenfigürchen als Kleinplastiken – die sog. Idole – ,
die vermutlich Fruchtbarkeit symbolisieren sollten. In der Bronzezeit wurde
dieses Motiv beibehalten, nun allerdings zu strengen geometrischen Formen,
etwa runde Scheiben oder Rechtecke, abstrahiert. In den darauffolgenden Zeiten
entwickelte sich der Stil zu immer naturalistischeren Darstellungen.
Das leicht
zu bearbeitende und zu formende Material Ton fand vor allem für
Opfergaben und Votive Anwendung. Je nach den Fähigkeiten und der Sorgfalt
des Künstlers findet man dabei Plastiken von der schlichtesten bis zur
qualitätvollsten künstlerischen Gestaltung. Den Göttern brachte
man Abbilder von menschlichen Figuren – meist stellvertretend für
den Weihenden – dar. Anstelle von wertvollen originalen Gegenständen
bildete man diese in Miniaturformat in Ton nach und weihte sie dann in die
Heiligtümer.
Tiergestaltige Gefäße
Je nach ihrer Verwendung erhielten die Gefäße ihre geeignete
Form. Solchen, die beim Kult zum Einsatz kamen, wurde oft die Gestalt von
Tieren gegeben, die den entsprechenden Gottheiten heilig waren. Am häufigsten
vertreten ist dabei der Stier als dem Symbol der Fruchtbarkeit, aber auch
Vögel waren ein sehr beliebtes Motiv. Andere Formen wie etwa Schuhe
oder Stiefel mögen ebenfalls mit Attributen von Göttern in Verbindung
zu bringen sein.
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